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Die Geschichte der Goldschmiedekunst

Einleitung

Nach Angaben des World Gold Council wurden bis Ende 2009 insgesamt 165.000 Tonnen Gold gefördert. Die gesamte Goldmenge, die in der Weltgeschichte bis jetzt ans Tageslicht gebracht wurde, ergäbe, wenn man es zusammenschmelzen würde, einen Würfel mit 20 Meter Kantenlänge. Experten gehen davon aus, dass in Zukunft noch maximal 100.000 Tonnen Gold gefördert werden können. Davon liegen angeblich 18.000 Tonnen in Südafrika.

In diesem Text soll es nun aber nicht, um die Entfachung eines neuen Goldrausches gehen. Wir kümmern uns hier um die kunstvolle Bearbeitung dieses edlen Metalls im Lauf der Weltgeschichte. Zuständig für die Behandlung und Verwandlung des teuren Rohstoffes in Gegenstände für Kunst, Kult und Prunk waren seit jeher die Goldschmiede. Währende sie heute eher eine Art Randexistenz führen, waren die Goldschmiede in der Wikingerzeit und im späten Mittelalter sehr hoch angesehene Leute.

Doch der Reihe nach. Wir beginnen am besten am Anfang. Doch bevor wir tief in die Urzeiten der Weltgeschichte abtauchen, noch einige grundlegende Bemerkungen zur eigentlichen Arbeit des Goldschmieds.

Was tun Goldschmiede?

Goldschmiede schmieden Gold. Das ist klar. Sie verwenden dazu bestimmte Techniken, die teilweise schon sehr alt, manchmal aber auch relativ jung sind. Heute kann die Goldschmiedekunst sich aus einem breiten Repertoire an Techniken bedienen. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, soll nun kurz aufgezählt werden, was Goldschmiede eigentlich tun, sie:

  • löten
  • nieten
  • schweißen
  • feilen
  • sägen
  • ziselieren
  • treiben
  • biegen
  • hämmern
  • ziehen
  • schleifen
  • tauschieren
  • gravieren
  • polieren
  • mattieren

ihre Gegenstände. Sie arbeiten nicht immer und nicht nur mit Gold, sondern auch mit Silber, Edelsteinen, Email, Glas, Korallen, Muscheln, Bernstein, Halbedelsteinen, Palladium, Titan, Weißgold und allem anderen, was schön ist.

Reines Gold ist sehr teuer. Es wird daher durch bestimmte Gusstechniken oft verbilligt. Wenn man Gold mit Palladium oder Nickel verbindet, erhält man Weißgold. Eine Verbindung mit Aluminium ergibt Rubingold. Gold ist sehr biegsam. Es hat eine äußerst geringe sogenannte Brinellhärte. Man kann es sehr stark dehnen. Es ist möglich, Goldblätter mit einer Stärke von einem Zehntausendstel Millimeter herzustellen. Gold kann also einerseits verbilligt und andererseits gefärbt werden.

Die Goldschmiede aller Zeiten wussten sehr genau, wie sie ihren Rohstoff behandeln mussten. Und sie wussten auch, wie sie in schlechten Zeiten das verarbeitete Gold wieder zurückgewinnen konnten. Das Besondere an Edelmetallen ist ja, dass sie keine Verbindung mit Sauerstoff eingehen. Das heißt, sie oxydieren nicht. Auf gut deutsch heißt das: Sie rosten nicht. Einmal gefördertes Gold bleibt also ewig erhalten. Es kann zu Gegenständen verarbeitet werden, es kann mit anderen Metallen legiert werden. Und doch ist es immer wieder einschmelzbar.

Dieser Vorteil hat zu einem Phänomen geführt, das die Goldschmiedekunst seit jeher begleitet: Sehr viele großartige Goldschmiedearbeiten der Vergangenheit existieren heute nicht mehr, weil sie in Notzeiten eingeschmolzen wurden. Vor allem weltliche Prunkgegenstände aus dem späten Mittelalter und der Neuzeit, kamen wieder in den Schmelzofen, als man dringend Geld brauchte. Erhalten sind bis heute daher vor allem die kirchlichen Goldschmiedearbeiten, die Kreuze und Kelche, die Reliquienschreine und Madonnen. Aber jetzt wird es Zeit für den Gang durch die Geschichte dieses ältesten Metallhandwerks der Welt.

Die Anfänge der Goldschmiedekunst

In Europa sind seit dem fünften Jahrtausend vor Christus Goldschmiedearbeiten nachweisbar. Die sogenannte Warna-Kultur mit dem Gräberfeld von Warna hatte Kultgeräte aus Gold gefertigt. Außerhalb Europas gab es in Ägypten bereits solche Arbeiten. Heute noch kann man den Sarkophag des Pharaos Tutanchamun bestaunen. Der ist aus purem Gold. Er enthält auch schon Färbungen. Hier war die Goldschmiedekunst schon auf einem hohen Niveau. In den Anden-Kulturen Südamerikas, bei den Inka und Majas und bei den Atzteken spielte Gold eine große Rolle. Nicht umsonst spricht man hier vom “El Dorado”. Als die Spanier im Mittelalter nach Südamerika kamen, staunten sie nicht schlecht. Hier gab es Gold in Hülle und Fülle. Leider wurden die meisten Goldschmiedemeisterwerke der Anden-Kulturen nach Europa gebracht und eingeschmolzen. Etwa 1000 vor Christus fertigte man in Europa vor allem aus Bronze Europa Schmuck und Armbänder. Man verzierte die Gegenstände mit Schmuckplättchen aus Gold und Granulation. Es gab Ohrringe, Diademe, Gehänge, Ketten und Bänder. 500 vor Christus wurde die Technik der Granulation durch bunten Schmelz ersetzt. In Griechenland gegen 300 vor Christus nahm man Edel- und Halbedelsteine statt Granulat. Es ist klar, dass die Anfänge dieses Kunsthandwerks in verschiedenen Regionen unterschiedliche Ausformungen annahmen. Es gab bestimmte Gegenden, in denen die Goldschmiedekunst auf einem hohen Niveau ausgeübt wurde, und es gab andere Gegenden, in denen diese Kunst kaum oder nur schlecht praktiziert wurde. Die Leuchttürme der Anfangszeit waren wie gesagt Ägypten, die Anden-Kulturen und Griechenland. Auch die Thraker und Etrusker trugen viel zur Entwicklung dieses Handwerks bei.

Die römischen und byzantinischen Goldschmiede

Im römischen Reich erreichte die Goldschmiedekunst eine erste prächtige Blütezeit. Man wendete die raffiniertesten Techniken an und verarbeitete Edelmetalle, Edelsteine, Perlen und Email zu prunkvollen Gegenständen. Die römischen Kaiserpaläste waren voller Goldkunst. Für die Soldaten und Legionäre gab es fein gearbeitete Rüstungen und Prunkwaffen. Für die rituellen Ehrungen der römischen Götter wurden Goldgegenstände in großer Zahl angefertigt. Weil die Römer ganz Europa beherrschten, konnten sie die Goldvorräte ihrer eigenen Paläste stark auffüllen. In der Folgezeit gab es auch in Byzanz, dem späteren Konstantinopel und heutigen Istanbul, ausgezeichnete Goldschmiede. In Byzanz wurde der Zellenschmelz, also die Arbeit mit Email, zu einer echten Meisterschaft gebracht. Die byzantinischen Herrscher gaben viele Großaufträge an berühmte Goldschmiede. Der Stil der Gegenstände war in Byzanz orientalisch und sehr filigran. Leider sind uns aus dieser Zeit keine Namen von Goldschmieden bekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass Goldschmiede in Rom und Byzanz sehr angesehene Leute waren. Denn sie arbeiteten nicht für das normale Volk, sondern nur für die Herrschaftshäuser, für die Kaiser, Könige und Sultane, außerdem für die Tempelanlagen und das hohe Militär. Die einfache Bevölkerung war damals keinesfalls in der Lage, Goldschmuck oder Prunkrüstungen zu erwerben.

Die germanischen und irischen Goldschmiede

Bei den Nordvölkern standen die Goldschmiede in einem besonders hohen Ansehen. Weil sie Waffen verzierten und Kultgegenstände schufen, standen sie fast auf einer Stufe mit den Priestern und Druiden. Aus dem Germanischen stammen die Ornamentik und der sogenannte Tierstil. Man verband Tiere mit abstrakten Ornamenten. Dieser Stil wurde typisch für den europäischen Norden. Viel später vermischten sich dann die Stile des Nordens mit denen der Mittelmeerländer. Die irische Goldschmiedekunst erreichte im 7. und 8. Jahrhundert nach Christus ihren Höhepunkt. Hier ging es nun nicht mehr so sehr um Waffen und Kultgegenstände, sondern hier begann bereits der Einfluss der christlichen Kirche sich bemerkbar zu machen. Irland war innerhalb Europas besonders früh dran mit der Übernahme des katholischen Glaubens. Schon im 5. Jahrhundert nach Christus wurden in Irland Klöster gebaut. Die Christianisierung Europas erfolgte dann auch und vor allem von Irland aus. Jedenfalls wurde mit Beginn des Mittelalters die Kirche zum Hauptauftraggeber für Goldschmiede. Das Mittelalter begann im europäischen Raum um 600 nach Christus und dauerte etwa bis 1500 nach Christus. Um es ganz praktisch zu formulieren, sagt man heute gerne: Das Mittelalter liegt zwischen Antike und Neuzeit. Wir befinden uns heute demnach in der Neuzeit. Alles, was vor der Antike lag, nennt man Prähistorisches Zeitalter. Die Geschichte begann in Europa also mit der Antike. Das nur mal als grober historischer Orientierungsrahmen. Bevor wir uns jedoch dem Mittelalter zuwenden, noch ein Hinweis auf die Wikinger, die da ganz oben im Norden vom 8. bis zum 11. Jahrhundert ein bisschen weitab vom Schuss lagen. Auch die Wikinger liebten Goldschmuck. Als sehr kriegerisches Volk mochten sie vor allem schön verzierte Waffen und brachiale Kultgegenstände. Sie brachten den Bernstein ins Goldschmiedehandwerk. Und es gibt auch Experten, die behaupten, dass die Wikinger die Ornamentik erfunden haben. Aus der Wikingerzeit ist der Silberschatz von Cuerdale erhalten geblieben. Er stammt aus dem 10. Jahrhundert und besteht aus über 8000 Gegenständen aus Silber und Gold mit einem Gesamtgewicht von über 40 Kilogramm. Heute befindet sich dieser Schatz im Britischen Museum in London.

Die Goldschmiedekunst im Karolinger-Reich

Karl der Große regierte von 800 bis 814. In ihm kulminiert das Karolinger-Reich, das sich zeitlich von 580 nach Christus bis ins Jahr 1000 nach Christus erstreckt. Geographisch war die Ausdehnung riesig. Karl der Große träumte angeblich davon, ein Reich zu regieren, in dem nie die Sonne untergeht. Ganz konnte er diesen Traum nicht umsetzen. Aber er hatte schon wirklich viel Platz. Unter den Karolingern erlebte die Goldschmiedekunst ihre zweite große Blütezeit. Sie versorgte nicht nur die Könige, Kaiser und Fürsten, sondern auch die Kirche, die in dieser Epoche sehr mächtig war und viel Gold brauchte. Kreuze, Reliquienschreine, liturgische Geräte, Antependien (Buchdeckel für Bibeln) für die Kirche – Kronen und Zepter für die weltlichen Herrscher. Die Nachfrage war groß. Die Goldschmiede hatten eine Menge zu tun. Und Gold war auch reichlich vorhanden. Der lateinische Name für Gold ist “Aurum”. Von diesem Wort leitet sich der Begriff “Aura” ab. Gerade für die Kirche galt das besondere Leuchten des Goldes als Ausdruck des Göttlichen und Heiligen. Deshalb konnte sie gar nicht genug davon bekommen. Übrigens ist die Kirche auch heute noch der beste Auftraggeber für Goldschmiede. Liturgische Gefäße, Kelche, Altäre, Bilder, Statuen, Madonnen – all das sieht besser und schöner aus, wenn Gold darin eingearbeitet ist oder wenn pures Gold sein Leuchten schickt. Um die Jahrtausendwende kamen vollplastische Kultbilder aus Gold in Mode. Erhalten ist heute noch die Goldene Madonna von Essen (980). Aber auch zahlreiche andere kirchliche Meisterwerke der Goldkunst sind der Welt geblieben.

Die Goldschmiedekunst im Staufer-Reich

Nach den Karolingern kamen in Europa die Staufer an die Macht. Man nennt dieses Geschlecht auch die Hohenstaufen. Sie regierten den Großteil Europas vom 11. bis zum 13. Jahrhundert. Bedeutendster Vertreter der Stauferzeit war Friedrich I. Aufgrund seines auffälligen, wallenden roten Bartes nannte man ihn “Barbarossa”. Er war von 1155 bis 1190 Kaiser des römisch- deutschen Reiches. Die Stauferzeit fällt zeitlich mit dem Kunststil der Romanik zusammen. In Kirchenbauten erkennt man den romanischen Ursprung am sogenannten Rundbogen. Aber auch in der Goldschmiedekunst gab es in der Romanik Besonderheiten. Während in der Karolinger-Zeit Zellenschmelzemail mit transluziden Farben und durchschimmernden Goldgrund stilistisch dominierte, kam nun Grubenschmelz mit opaker und farbkräftiger Materialität zum Einsatz. Übersetzt heißt das: Es war in der Stauferzeit nicht mehr so viel Gold vorhanden wie in der Karolinger-Zeit. Deswegen wurde das Gold nun verbilligt und gestreckt. Man legierte es mit Silber und Kupfer. Das tat man vor allem auf galvanischem Weg, also durch eine Feuervergoldung. Galvanisch wird heute fast gar nicht mehr gearbeitet, weil bei der Feuervergoldung giftige Quecksilberdämpfe entstehen, die heute niemand mehr einatmen möchte. Aber in der Stauferzeit nahm man es mit dem Gesundheitsschutz noch nicht so genau. Die Lebenserwartung der Menschen im Mittelalter betrug in Europa etwa 40 Jahre. Heute liegt sie ungefähr doppelt so hoch. Der bedeutendste Goldschmied der Stauferzeit und eigentlich des ganzen Mittelalters war Nikolaus von Verdun. Von ihm stammen der Klosterneuburger Altar (1181), der Dreikönigsschrein im Kölner Dom (1190) und der Cappenberger Barbarossa-Kopf (1160). Dieser Kopf ist aus Kupfer und Messing. Heute ist er vergoldet. Früher waren angeblich Reliquien von Barbarossa persönlich in diesem Kopf. Wer sich das Werk ansehen möchte, muss in die Kirche St. Johannes Evangelist nach Cappenberg bei Lünen fahren. Wer nicht weiß, wo Lünen ist, sollte ein kleines Stück nördlich von Dortmund auf der Landkarte suchen. Übrigens darf man eine Sache in Bezug auf das Mittelalter nicht vergessen: Das war die Zeit der Ritter. Tatsächlich liefen viele Leute in Ritterrüstungen durch die Gegend. Außerdem gab es den Minnesang. Es war eine wunderbare Zeit für Goldschmiede. Auch, wenn es im Staufer-Reich damit nicht mehr ganz so großartig war wie im Karolinger-Reich. Wir kommen nun zum Ausklang des Mittelalters: der Gotik.

Die Goldschmiedekunst in der Gotik

Die Gotik ist eine Kunstrichtung, die auf die Romantik folgt. Teilweise waren die Übergänge fließend. Man kann jedoch sicher sagen, dass die Gotik in Europa vom 13. Jahrhundert bis etwa 1500 starken Einfluss hatte. Die Gotik zeichnet sich bei Kirchenbauten ganz banal durch den Spitzbogen aus. Insgesamt war die Gotik auf Vertikalisierung ausgerichtet. Die Gegenstände wurden länger und größer. Im Liturgischen war die Monstranz in der Gotik der wichtigste Gegenstand. In der Goldschmiedekunst verwendete man nun kein Email mehr. Man nahm vor allem transluziden Schmelz mit durchscheinendem Silbergrund. Die Gotik ist eine ziemlich traurige Zeit gewesen. Nicht umsonst malen sich die sogenannten “Gothics” (Jugendbewegung) die Gesichter totenweiß an. Ab 1347 begann die Pest in Europa zu wüten. Als sie damit fertig war, war ihr ein Drittel der europäischen Bevölkerung zum Opfer gefallen. Außerdem begann etwa um die gleiche Zeit der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich. Es waren damals schlechte Zeiten. Da hatten auch die Goldschmiede weniger zu tun. Aus dieser Zeit sind heute trotzdem noch das “Goldene Rössl” (1404), das “Oldenburger Wunderhorn” (1474) und das “Schlüsselfelder Schiff” 1503) erhalten.

Renaissance, Barock und Rokoko

Die Neuzeit beginnt um das Jahr 1450 mit der Renaissance. Wir erinnern uns: 1492 “entdeckte” Christof Columbus Amerika. Dieses Datum ist der Anfang der großen Zeit Europas. Mittlerweile ist die globale Bedeutung Europas ja schon etwas eingeschrumpft, aber damals war hier das Zentrum der Welt. In der Renaissance jedenfalls feierte die klassische Antike eine “Wiedergeburt” (Renaissance). Die Kirche verlor an Einfluss. Es wurden mehr Prunkschlösser gebaut. Während man in der Gotik die Senkrechte liebte, war es in der Renaissance die Waagrechte. Man schuf mythologische Figuren, verzierte die Schlossgärten mit Putten und Engeln. Die Goldschmiede arbeiteten nun vor allem für die vielen Fürsten und Könige dieser Zeit. Insgesamt erstreckte sich die Renaissance von etwa 1450 bis 1600. Dann begann das Zeitalter des Barock (1600 bis 1750). Im Barock triumphieren die Verzierung und der Schnörkel. Typisch für barocken Schmuck sind Schleifen, Barocklaub und die Email-Malerei. Die beliebtesten Edelsteine sind der Rubin und der Smaragd. Die bekanntesten Motive sind Uhren und Käfer. Mit ihnen wird die Vergänglichkeit des Irdischen dargestellt. Weil das Irdische vergänglich ist, muss man das Leben jetzt genießen. Diese barocke Einstellung steigerte sich noch im Rokoko (1720 bis 1780). Nachdem der Barock das Lineare der Renaissance beseitigt hatte, verzichtete das Rokoko nun auch auf die Symmetrie. Extremer Prunk und Reichtum zierte den Schmuck dieser Zeit. Zum ersten Mal gab es nun auch Modeschmuck aus Bleiglas (Strass).

Klassizismus, Jugendstil und Art Déco

Der Klassizismus (1770 bis 1830) machte Schluss mit dem flippigen Rokoko und kehrte wieder zur nüchternen klaren Linie der Antike zurück. Man errechnete mathematisch die Formen, Geometrie spielte eine große Rolle, römische Motive wie etwa Lorbeerkränze waren sehr beliebt. In diesem Zeitalter begann in Europa von England ausgehend die Industrialisierung. Die erstreckte sich natürlich auch bald auf das Goldschmiedehandwerk. Eisenkunstgüsse wurden möglich. Schmuck wurde viel billiger, weil man ihn nun in Massen herstellen konnte. Im Jugendstil (1896 bis 1914) waren die Architektur und auch der Schmuck von blütenartigen Ornamenten, Pflanzen, Insekten und Wellen schwer begeistert. Man setzte auf dekorative Effekte. Wichtig war, dass etwas gut aussah, weniger wichtig nahm man den Wert des Materials. Gold selbst wurde in dieser Zeit also nur noch sparsam verwendet. Man muss auch sagen, dass in der Neuzeit als Auftraggeber nun auch die Privatleute in Erscheinung traten. Schmuck wurde viel günstiger. Die Menschen konnten es sich leisten. Nachdem 1789 in Frankreich die Große Revolution das Bürgertum an die Macht gebracht und die Königshäuser abgeschafft hatte, war nun das Bürgertum der Hauptauftraggeber der Goldschmiede. Von 1910 bis 1930 war die Zeit des Art Déco. Die Mode und der Schmuck wurden streng und maskulin. Es war die Zeit des Ersten Weltkriegs und der darauf folgenden großen Weltwirtschaftskrise. Der Art Déco zeichnet sich durch intensive Farben und Kontraste aus, durch exakte Formen und Winkel. Schmuck wird nun immer weniger von Goldschmieden und immer mehr von Designern entworfen und verkauft.

Die Goldschmiedekunst der Moderne und der Gegenwart

Nachdem der Zweite Weltkrieg Europa in Schutt und Asche gelegt hatte, musste man sich ab 1945 erst wieder aufrappeln. Wir wollen die Zeit nach dem Krieg als Moderne bezeichnen, obwohl das technisch nicht ganz sauber ist. Die Historiker sind sich allerdings selbst nicht ganz einig darüber, ob die Moderne nun schon mit der Reformation durch Martin Luther, mit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert oder mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion beginnen soll. Einige Experten sind auch der Meinung, dass wir mittlerweile schon in der Postmoderne leben, also in der Zeit nach (“post”) der Moderne. Diese begriffliche Unsicherheit ist immer anzutreffen, wenn man die jüngste Geschichte und die Gegenwart beschreiben möchte. Vorhin war die Rede vom Zeitalter der Romanik im Karolinger-Reich. Nun ist der Begriff “Romanik” allerdings erst im Jahr 1818 von dem französischen Gelehrten Charles de Gerville ins Leben gerufen worden. Das heißt: Geschichtliche Epochen können erst mit langem zeitlichen Abstand wirklich treffend beschrieben werden. Zur Goldschmiedekunst nach 1945 ist zu sagen, dass sie durch keine eindeutigen Kunstrichtungen mehr geprägt wird. Man hatte nach dem Krieg, der so viele Menschen das Leben gekostet hat, sehr oft Witwenringe herstellen müssen. Gott sei Dank ist seit dieser Zeit kein großer Krieg mehr entstanden. Heute richtet sich die Goldschmiedekunst nach dem Ablauf schnelllebiger Moden. Die künstlerische Freiheit ist sehr groß. Es gibt kaum Tabus. Hergestellt wird, was gefällt und sich verkauft. Es werden neue Stile geprägt, die so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. In den 1990er Jahren kam der sogenannte Bling-Bling-Schmuck aus der amerikanischen Hip-Hop-Szene zu Ruhm und Bekanntheit. Dann war damit etwa 20 Jahre Schluss. In diesem Jahr (2015) kehrt der Trend als “Statement-Kette” zurück auf die Laufstege. Wie im Text bereits angedeutet, sind die Goldschmiede selbst heute nicht mehr in der glorreichen Position, die sie bei den Nordvölkern oder im europäischen Mittelalter hatten. Wer bei Google “Berühmte Goldschmiede” eingibt, findet keine Namen der Gegenwart. Das Schmuckgeschäft wird heute von Edelmarken und Designern beherrscht. Dort sind dann die Goldschmiede angestellt oder sie arbeiten selbstständig als Zulieferer, doch ihr Name bleibt zugunsten des großen Markennamens unbekannt. Wer heute eine Ausbildung zum Goldschmied oder zur Goldschmiedin beginnt, muss damit rechnen, es im späteren Arbeitsleben schwer zu haben. Das ist ein bisschen schade. Denn die Menschen tragen auch heute natürlich noch sehr gerne Schmuck. Die Kirche braucht liturgische Gegenstände. In den Herrschaftshäusern von heute finden sich auch fein gearbeitete Prunkgegenstände. Es ist davon auszugehen, dass auch die Menschen der Zukunft großen Wert auf Schmuck legen. Unwahrscheinlich ist allerdings, dass dieser Schmuck dann von einem Goldschmied per Hand in einer kleinen Werkstatt gefertigt wird. Der Trend zur Industrialisierung und Massenfertigung, zur Edelmarke und zum Designer-Label wird anhalten.

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